Interview führen als Forschungsmethode

Interview führen - Tipps zum Durchführen von Interviews
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In der qualitativen Sozialforschung ist das Interview eine der beliebtesten Methoden. Es wurde im Laufe der Jahre immer weiter entwickelt und wird heute für die unterschiedlichsten Forschungsbereiche genutzt. Ziel der Methode ist es, die persönlichen Sichtweisen von Befragten zu ermitteln. Es kann dabei um vergangene Ereignisse, Meinungen, Wissen oder Erfahrungen gehen. In diesem Artikel stellen wir drei bewährte Interviewarten vor und geben wichtige Tipps zur Durchführung für die empirische Bachelorarbeit und Masterarbeit.

Interview führen als Forschungsmethode in der Bachelorarbeit oder Masterarbeit

Allgemein werden Interviews nach ihrem Grad der Standardisierung unterschieden. Standardisiert ist ein Interview, wenn die Formulierung und Reihenfolge der Fragen sowie die Antwortmöglichkeiten streng festgelegt sind. Dies ist bei quantitativen Interviews der Fall. In der qualitativen Forschung werden Interviews jedoch nach dem Prinzip der Offenheit durchgeführt (vgl. Lamnek, 2010, 19). Das heißt, es werden keine festen Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Die Formulierung und Reihenfolge der Fragen sind zudem allein dem Interviewer überlassen. Diese Interviewform nennt man daher auch nicht-standardisiert.

Es gibt jedoch die Möglichkeit, sich als Forscher vorab Fragen zu notieren, die man gerne stellen möchte. In dem Fall handelt es sich um ein teilstandardisiertes Leitfadeninterview. Ob und wann diese Fragen im Interview gestellt werden, muss jedoch offen bleiben und die Fragen benötigen auch kein Lektorat und Korrekturlesen wie etwa Umfragen. Der Interviewer muss also spontan während des Gesprächs entscheiden, ob die einzelnen Fragen passen oder nicht. Darin liegt die Besonderheit von qualitativen Interviews: Im Gegensatz zur quantitativen Forschung werden Interviews hier viel stärker vom Befragten gesteuert als vom Forscher selbst (siehe dazu auch das E-Learning-Angebot der Universität Augsburg).

Narratives Interview

Diese wohl bekannteste Form des qualitativen Interviews zielt auf persönliche, autobiografische Erzählungen des Interviewten ab. Deshalb ist es hier auch sehr wichtig, vorab eine ruhige Atmosphäre zu schaffen und Vertrauen aufzubauen. Dies kann man zum Beispiel erreichen, indem man als Forscher zunächst etwas von sich selbst erzählt. Man sollte sich Zeit nehmen, das Forschungsziel, den Ablauf und die Formalitäten zu klären. Dies betrifft vor allem die Frage der Anonymität. Zudem sollten natürlich sämtliche Störfaktoren wie Telefone ausgeschaltet werden.

Das eigentliche Interview beginnt nun mit einer Einstiegsfrage. Der Forscher könnte zum Beispiel fragen: „Wie kam es dazu, dass…?“ Im besten Fall kommt der Befragte nun in einen Redefluss, den der Interviewer auf keinen Fall unterbrechen sollte. Aufmerksames Zuhören und ein ermunterndes Nicken ab und zu genügen vollkommen. Der Interviewte bestimmt auch das Ende der Erzählung. Erst danach kann der Forscher Fragen dazu stellen oder nachhaken.

Mit der Methode des narrativen Interviews lassen sich biografische Erzählungen sehr gut ergründen. Durch die geringe Standardisierung des Verfahrens erhält der Forscher meistens umfassende Ergebnisse. Je länger und intensiver der Redefluss des Interviewten ist, desto nachvollziehbarer werden seine subjektiven Erlebnisse. Haben mehrere Befragte ungefähr das gleiche erfahren, kann man hier auch problemlos Gruppeninterviews führen. Eine Herausforderung kann jedoch das benötigte Vertrauen zwischen Interviewer und Befragtem darstellen. Insbesondere bei sensiblen, privaten Themen kann davon der Erfolg des gesamten Interviews abhängen (Bohnsack et al., 2010, 120f.).

Problemzentriertes Interview

Bei dieser teilstandardisierten Interviewform nutzt der Interviewer einen Leitfaden. Dieser besteht aus einer Reihe von Fragen, die jedoch nicht unbedingt auch zum Einsatz kommen müssen. Der Forscher muss vielmehr flexibel auf den Gesprächspartner reagieren und darf ihn nicht mit Fragen leiten. Verliert der Befragte jedoch einmal den Faden, kann er durch gezielte Fragen wieder zum Thema zurückfinden.

Das problemzentrierte Interview beschäftigt sich mit einem bestimmten Problem, das vorab klar als solches definiert wurde. Ansonsten werden wie beim narrativen Interview auch hier die Fragen offen gestellt, um zum Erzählen anzuregen. Der Erzählstimulus sollte direkten Bezug auf den (Berufs-) Alltag des Befragten nehmen. Zuvor müssen natürlich wieder die Formalitäten geklärt werden. Je nach Thema kann es auch hierbei hilfreich sein, eine vertrauensvolle Basis zum Befragten aufzubauen. Wichtig ist wiederum, erst einmal aufmerksam zuzuhören. Bei Gesprächspausen kann der Forscher jedoch bereits Verständnisfragen stellen. Wurden am Ende wichtige Fragen des Leitfadens noch gar nicht berührt, sind konkrete Nachfragen legitim.

Diese Interviewform ist durch den Einsatz des Leitfadens standardisierter als das narrative Interview. Dadurch lassen sich die erhobenen Daten bei der Analyse leichter kategorisieren. Schwierig ist hingegen der Umstand, dass vorab ein Problem definiert wurde. Dieses soll zwar den Kern des Interviews ausmachen, jedoch nicht direkt zum Thema werden. Denn der Befragte soll nicht beeinflusst werden, sondern das Problem selbst thematisieren.

Experteninterview

Auch beim Experteninterview wird ein Leitfaden benutzt, hier sind jedoch neben offenen auch geschlossene Fragen erlaubt (vgl. Mayer, 2012, 37ff.). Der Befragte ist in der Gesprächssituation auch nicht als Privatperson anzusehen wie bei den anderen Interviews. Er ist Experte für ein bestimmtes Feld, gehört zum Beispiel einer bestimmten Berufsgruppe an. Es ist wichtig, dass sich der Experte auch selbst als solcher wahrnimmt.

Nach der Vorstellung von Person und Thema ist hier die Klärung der Anonymität zentral. Gerade wenn der Befragte eine Person der Öffentlichkeit ist, braucht er die Zusicherung seiner Anonymität. Trotzdem sollte der Forscher versuchen, im Interview auf Augenhöhe mit ihm zu kommunizieren. Schließlich ist der Interviewer auch ein (Forschungs-) Experte. Der anschließende Erzählstimulus könnte lauten: „Erzählen Sie doch einmal von Ihrer Rolle als…“. Dies schafft von Anfang an eine respektvolle Atmosphäre.

Beim Experteninterview hat man die Chance, wertvolles Insiderwissen zu erfahren. Durch die Teilstandardisierung eignet sich diese Interviewform zudem gut für eine Verschriftlichung und Datensammlung. Eine Herausforderung könnte jedoch sein, dass der Experte derart in sein Fachwissen vertieft ist, dass er seine Antworten sehr komplex vermittelt.

Tipps zur Durchführung bei einer Bachelorarbeit oder Masterarbeit

Hat man sich für eine geeignete Interviewform entschieden, geht es an die Planung der Durchführung. Gerade wenn man bislang noch keine oder nur wenige Interviews durchgeführt hat, sind Probeinterviews hilfreich. Diese sollten jedoch nicht wie ein Rollenspiel gestaltet werden, sondern wie ein echtes Interview. Das heißt, man sollte den Gesprächspartner nicht unbedingt zum aktuellen Forschungsthema befragen, wenn dieser davon keine Ahnung hat.

Im Gegensatz zu sogenannten Pretests in der quantitativen Forschung geht es hier nicht darum, die Methode oder den Leitfaden an sich zu testen. Vielmehr soll sich der Forscher in seiner Rolle sicher werden und typische Fehler von Anfängern vermeiden (siehe dazu auch die Hinweise der Universität Innsbruck).

Darüber hinaus stellt sich noch die Frage, ob das Interview alleine oder zu zweit geführt werden soll. Mehr als zwei Interviewende sind unüblich. Der Vorteil, wenn man zu zweit interviewt, ist, dass man Aufgaben verteilen und sich ergänzen kann. Ist der eine beispielsweise offener und redseliger, so könnte dieser die Einstiegskommunikation und den Smalltalk übernehmen. Der andere möchte dafür vielleicht lieber das aufgezeichnete Interview transkribieren.

Welche Interviewmethode passend ist, hängt also zum einen vom Forschungsschwerpunkt und der Zielgruppe ab. Wird man beispielsweise Einzel- oder Gruppeninterviews führen? Möchte man einen Leitfaden benutzen oder fühlt man sich dadurch eingeschränkt? Zielt man auf Fachwissen ab oder geht es eher um persönliche Erlebnisse des Interviewten? Zum anderen spielen auch die Kompetenzen und Vorlieben des Forschers eine Rolle. Dank der Vielzahl an qualitativen Interviewmethoden dürfte es jedoch für jede Situation die richtige geben.

Literaturangaben

Bohnsack, Ralf/Marotzki,‎ Winfried/Meuser, Michael (Hrsg.) (2010): Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung, 3. Auflage Stuttgart.

Lamnek, Siegfried (2010): Qualitative Sozialforschung, 5. Auflage Weinheim.

Mayer, Horst Otto (2012): Interview und schriftliche Befragung: Grundlagen und Methoden empirischer Sozialforschung, 6. Auflage Oldenburg.

Weiterführende Literatur:

Gläser, Jochen/Laudel, Grit (2010): Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse : als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen, 4. Auflage Wiesbaden.

Strübing, Jörg (2013): Qualitative Sozialforschung: Eine Einführung, Oldenburg.

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