Tipp: Akademisches Schreiben mit dem digitalen Zettelkasten

Tipp Digitaler Zettelkasten
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Ob die erste Hausarbeit oder die Bachelorarbeit, Masterarbeit oder Dissertation – eins haben alle akademischen Schreibprojekte gemeinsam: Im Rahmen der Literaturrecherche häufen sich eine Menge Informationen an, die organisiert werden müssen. Nur wer den Überblick über seine Notizen behält, kann den Schreibprozess erfolgreich und stressfrei bewältigen. Digitale Zettelkastentools bieten Möglichkeiten dem Zettelchaos frühzeitig zu entfliehen. Wie ein solches Zettelkastensystem funktioniert und warum die Methode für ein effektives wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, erklärt dieser Artikel.

Was versteht man unter der Zettelkastenmethode?

Die Zettelkastenmethode ist eine Technik zur Archivierung und Strukturierung von Literaturangaben, Rechercheergebnissen und eigenen Gedanken (Vgl. Artikel in der Welt Online). Sie basiert auf der Pflege eines analogen oder virtuellen Zettelkastens, der als Gedächtnisstütze beim wissenschaftlichen Arbeiten dient.

Die Idee des Zettelkastens stammt ursprünglich von dem deutschen Soziologen und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann (1927-1998). Über vier Jahrzehnte schrieb Luhmann Notizen, Gedanken und hier und da ein direktes Zitat auf kleine Zettel und sortierte diese in ein hölzernes Kästchen ein. „Ohne zu schreiben, kann man nicht denken; jedenfalls nicht in anspruchsvoller, anschlussfähiger Weise“, sagte er einst über seine besondere Form der Wissensorganisation. „[Und] wenn man [..] sowieso schreiben muss, ist es zweckmäßig, diese Aktivität zugleich auszunutzen, um sich im System der Notizen einen kompetenten Kommunikationspartner zu schaffen.“ (Luhmann 1981: S. 222)

Ein Karteikasten als Kommunikationspartner? Luhmann sah den Zettelkasten nicht nur als Ort der Notizenablage, sondern vor allem als Ideengenerator (vgl. Artikel im Tagesspiegel). Denn er nutzte einen Code aus Zahlen und Buchstaben, um sein Wissen im Zettelkasten zu strukturieren. So kennzeichnete und verknüpfte er inhaltlich verwandte Zettel und baute die Notizensammlung stückweise zu einem zweiten Gedächtnis aus (Luhmann 1981: S. 224-225). Dieses diente fortan als Inspirationsquelle für seine Forschungsarbeit: „Für Kommunikation ist eine der elementaren Voraussetzungen, daß die Partner sich wechselseitig überraschen können“ (Luhmann 1981: S. 222). Und diese Überraschungen fand er in seinem eigens kreierten Zettelkasten.

Trotz der Tatsache, dass er alle Inhalte selbst eingepflegt hatte, fand er in den Verbindungen zwischen den Zetteln immer wieder neue Erkenntnisse und schuf auf dieser Basis seine international bekannten Sozialtheorien. Seither gilt die Zettelkastenmethode als eine der effektivsten Wege zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Den Luhmannschen Zettelkasten kann man heute mit seinen über 90.000 Zetteln in der Kunsthalle in Bielefeld besichtigen.

Akademisch Arbeiten 2.0 – Der digitale Zettelkasten

Online-Bibliothekskataloge, digitale Textverarbeitung und automatisierte Organisieren von Literatur: Die heutige Welt des wissenschaftlichen Arbeitens sieht anders aus als noch zu Luhmanns Zeiten. Trotzdem bleibt die Zettelkastenmethode eine der beliebtesten Techniken zum Strukturieren von Hausarbeiten, Bachelorarbeiten und Masterarbeiten bis hin zu komplexen Schreibprojekten wie Dissertationen. Wenn man die Methode erst einmal verstanden hat, ist es leicht, sie digital anzuwenden. Wichtig ist, dass man jede wichtig erscheinende Textpassage (beispielsweise bei der Lektüre eines Fachartikels) sofort mitsamt allen nötigen Quellenangaben und Schlagworten festhält. Nur so fällt es einem später leicht, die Passagen auf Anhieb wiederzufinden und im Schreibprozess zu verwenden.

Ein (digitaler) Notizzettel sollte folgende feste Struktur haben:

  • Überschrift
    Zum späteren Einordnen der Notiz sollte ihr Inhalt auf einen Blick ersichtlich sein.
  • Notiz
    Eine Definition, ein Zitat oder eigener Gedanke? Hier ist Platz für alles Wichtige!
  • Referenz
    Nicht vergessen: Die Quelle, aus der die Notiz stammt.
  • Schlagwort
    Um Notizen anschließend zu verknüpfen und – wie einst Luhmann – neue Verbindungen zwischen den Zetteln zu finden, kann man sich ein Schlagwortsystem erstellen. Alle Zettel, die sich inhaltlich oder methodisch ähneln, lassen sich mit denselben Suchbegriffen kennzeichnen und so zu einem späteren Zeitpunkt leichter wiederfinden.

Grundsätzlich kann man die Zettelkastenmethode nach dem obigen Schema in jedem beliebigen Textverarbeitungsprogramm digital umsetzen. Viele Studenten klagen hingegen ebenfalls über Zettelchaos auf dem virtuellen Papier. 100-seitige zusammenkopierte Word-Dateien erweisen sich in der Praxis nicht immer als übersichtliche Hilfsmittel.

Aus diesem Grund haben sich spezialisierte Anwendungen etabliert, die das Archivieren und Organisieren von Notizen noch einfacher machen. Die Open-Source-Anwendung ZKN3 erschien als erstes digitales Zettelkastentool in der Software-Landschaft für wissenschaftliche Arbeiten. Darüber hinaus kam 2017 die Browseranwendung Auratikum auf den Markt. Beide Tools sind inspiriert von der Zettelkastenmethode nach Niklas Luhmann und richten sich an alle wissenschaftlich Arbeitenden – vom Bachelorstudenten bis Doktoranden.

Was unterscheidet ein digitales Zettelkasten-Tool von Literaturverwaltungsprogrammen?

Beim Thema Literaturverwaltung fallen den meisten Studenten Programme wie Citavi, Endnote und Mendeley ein. Literaturverwaltungsprogramme und digitale Zettelkastenanwendungen unterscheiden sich im Wesentlichen in ihrem Fokus auf unterschiedliche Bereiche des wissenschaftlichen Schreibprozesses. Während Endnote und Co. primär bei der Literaturrecherche sowie beim ordnungsgemäßen Archivieren von bibliografischen Daten bis hin zum Erstellen von einem Literaturverzeichnis unterstützen, sind digitale Zettelkästen nicht nur Notizenarchive, sondern auch inhaltliche Schreibhelfer.

Über virtuelle Zettelvorlagen sowie erweiterte Verschlagwortungs- und Verweisfunktionen lassen sich Notizzettel mit ein paar Mausklicks erstellen, verknüpfen und anschließend per Drag & Drop zu einer Gliederung zusammenfügen. Innerhalb dieses Schreib- und Gliederungseditors kann man zusätzlich Kommentare (z. B. zur Planung von Überleitungen) einfügen. Während Literaturverwaltungsprogramme der Bachelorarbeit, Masterarbeit oder Dissertation also zu mehr formaler Struktur verhelfen, die insbesondere zur Vermeidung von Plagiaten unerlässlich ist, unterstützen Zettelkästen einen bei der Umsetzung von Gedankengängen aufs Papier.

Sieben Arten, einen digitalen Zettelkasten zu nutzen

Das Nützliche an einem (digitalen) Zettelkasten ist, dass er im Uni-Alltag in vielfältiger Art und Weise zum Einsatz kommen kann. Hier gibt es eine Übersicht von Situationen, in denen ein Zettelkasten überdies für die nötige Ordnung sorgt:

In der Vorlesung oder beim Vor- und Nachbereiten von Vorlesungsunterlagen

Wenn man Mitschriften direkt im Zettelkasten verfasst, gehen schließlich garantiert keine Notizen mehr verloren. Genau so sieht es auch beim Nachbereiten der Vorlesung aus: Das Beispiel im Textbuch passt zum Schaubild aus der Vorlesung? Direkt im Zettelkasten verknüpfen!

Beim Lernen für die Prüfung

Mit Karteikästen lernen Studenten schon seit Jahrzehnten. Die grundlegenden Konzepte und Definitionen kann man sich auch ganz einfach als Zettel im Kasten anlegen und dann – thematisch geordnet – lernen.

Bei der Planung der Präsentation oder zur Organisation von Gruppenprojekten

Der Inhalt der Präsentation steht, doch anfangs fehlt ein roter Faden? Schnell ein paar aufschlussreiche Fakten für die Einleitung hinterlegen, die Kernpunkte vom Hauptteil definieren und ein prägnantes Zitat für das Fazit speichern und schon ist der Präsentationsleitfaden auch schon komplett. Das geht dementsprechend auch in Gruppen: Alle Gruppenmitglieder haben recherchiert und präsentieren beim Gruppentreffen bunt markierte Notizzettel? Das Komprimieren auf die wichtigsten Ideen im Zettelkasten bringt schnell Ordnung ins Durcheinander!

Zur Vorbereitung auf das Treffen mit dem Betreuer der Bachelorarbeit, Masterarbeit oder Dissertation und beim Schreiben des Exposés

Damit kein Vorschlag unberücksichtigt und keine Frage an den Betreuer unbeantwortet bleibt, kann man sich mit dem Zettelkasten optimal vorbereiten. Beim Exposé muss dann beispielsweise das zu bewältigende Bachelorarbeitsthema inklusive Methodik und Darstellung der primären Datenquellen kurz und knapp auf den Punkt gebracht werden. Nur ohne Zettelchaos gelingt das aber im Handumdrehen!

Als Gedächtnisstütze für den Forschungsstand

Ein Überblick über die Literatur des europäischen Aufklärungszeitalters? Einmal im Zettelkasten gespeichert, lässt sich der Forschungsstand schließlich problemlos niederschreiben.

Als Schreibbegleiter für die Masterarbeit

Wenn man alle Literaturangaben, Notizen und Gedankengänge an einem Ort hat, schläft es sich nachts viel besser, da man keine Angst vor dem Durchfallen bei einer Plagiatsprüfung haben muss. Tagsüber läuft der Schreibprozess dann außerdem strukturierter ab und das Lektorat einer Masterarbeit, Bachelorarbeit oder Dissertation hat ebenfalls weniger Arbeit.

Zur Vorbereitung auf das Kolloquium oder die Disputation

Nachdem die Bachelorarbeit, Masterarbeit oder Dissertation beim Betreuer gelandet ist, fehlt letztlich nur noch eins zum Abschluss: Die Verteidigung bzw. Disputation. Mit dem Zettelkasten kann man dann die Kernpunkte der Arbeit nochmals im Gesamtzusammenhang darstellen und überzeugt damit jeden Prüfer!

Die von Niklas Luhmann entwickelte Zettelkastenmethode unterstützt Studenten und Promovenden durch die systematische Strukturierung von Ideen und Gedanken beim wissenschaftlichen Arbeiten. In der digitalen Umsetzung vereint der Zettelkasten außerdem Funktionen der Literaturverwaltung und Notizenorganisation und kann darüber hinaus – anders als die meisten Literaturverwaltungsprogramme – als Schreibbegleiter verwendet werden. Doch nicht nur bei der Erstellung umfangreicher wissenschaftlicher Arbeiten können digitale Zettelkästen Abhilfe schaffen. Eine gut organisierte Notizensammlung kann zudem auch etwa bei der Prüfungs- oder Präsentationsvorbereitung von Nutzen sein. Es lohnt sich daher, bereits in den ersten Semestern mit der Pflege des persönlichen Zettelkastens zu beginnen.

Literatur

Luhmann, Niklas (1981): Kommunikation mit Zettelkästen, in: H. Baier, H. M. Kepplinger, K. Reumann (Hrsg.) Öffentliche Meinung und sozialer Wandel/Public Opinion and Social Change, Wiesbaden.

Autorin:

Saskia Pauly studiert Management & Marketing an der FAU Erlangen-Nürnberg und der EM Strasbourg Business School. Als Teammitglied von Auratikum, der digitalen Zettelkasten-App für Studierende und Promovierende, arbeitet sie seit 2017 an der Zukunft des (digitalen) wissenschaftlichen Arbeitens.

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