Die wissenschaftliche Fragestellung einer Bachelorarbeit

Inhalt:

Sie ist der Kern jeder wissenschaftlichen Arbeit, ob Bachelorarbeit, Masterarbeit oder nur eine Hausarbeit: die Fragestellung. Doch was macht sie so wichtig? Und wie finde ich erfolgreich eine gute wissenschaftliche Fragestellung für meine eigene Arbeit?
Der nachfolgende Artikel soll für Studenten aller Semester eine Orientierungshilfe auf dem Weg zum erfolgreichen Abschluss Ihres akademischen Textes darstellen.

Was ist eine wissenschaftliche Fragestellung?

Eine wissenschaftliche Fragestellung unterscheidet sich von einer gewöhnlichen Frage darin, dass sie eine ganz konkrete Antwort in einem spezifischen Themenfeld sucht. Und zwar nicht irgendeine Antwort, sondern eine, deren Beantwortung jederzeit und von jedermann nachvollzogen werden kann. Diese „intersubjektive Überprüfbarkeit“ (Lamprecht et al., 2009) muss selbstverständlich in der ganzen wissenschaftlichen Arbeit gewährleistet sein. Damit das möglich ist, muss die Problemstellung bereits sehr präzise gestellt werden. Es muss klar sein:

a) Was ist Thema der Arbeit und damit Gegenstand der Frage?
b) Was ist die Frage selbst? Wonach wird gefragt? Welche Erkenntnis soll die Antwort bringen?
c) Auf welche Disziplin, eventuell auch schon auf welche Theorie bezieht sich die Arbeit?

Eine wissenschaftliche Fragestellung bezeichnet also auch ganz klar den theoretischen und disziplinären Rahmen, innerhalb dessen die Antwort gegeben wird.

Wie man vom Thema zur Fragestellung der Bachelorarbeit und Masterarbeit kommt

Auf welche Weise kommt man denn nun zu einer guten Fragestellung? Bevor man überhaupt mit der Formulierung anfängt, sollte man bereits über umfangreiche oder je nach Umfang der Arbeit zumindest ausreichende Kenntnisse über das Thema der Arbeit verfügen. Oder in anderen Worten, man sollte auf dem aktuellen Stand der Forschung sein und einen guten Überblick darauf haben, in welchen Bereichen noch nicht oder nur wenig Forschung betrieben wurde.

Nehmen wir mal an, es geht um eine ernährungswissenschaftliche Arbeit, bei der man Zusammenhänge zwischen Ernährungsgewohnheiten und Krebsrisiko feststellen möchte. Bei der Literaturrecherche stellt man fest, dass es bereits zahllose Studien gibt, die die Auswirkungen einer fleischreichen Ernährung auf das Krebsrisiko untersuchen. Nun könnte man herausfinden, ob es ähnliche Studien auch bezüglich des Zuckerkonsums gibt. Oder ob es Korrelationen zwischen einem hohen Zucker- und einem hohen Fleischkonsum gibt.

Man könnte stattdessen aber auch die bereits vorhandenen Studien vergleichen und beispielsweise fragen, warum es zu abweichenden Ergebnissen kam oder ob Faktoren wie Geschlecht, Alter und Krankheitsvorgeschichte berücksichtigt wurden. Je nachdem untersucht man ein Phänomen, z.B. den Zusammenhang zwischen einem bestimmten Nahrungsmittel und einer Krankheit. Oder man überprüft eine bestehende Theorie, in diesem Fall die Ergebnisse schon vorhandener Studien. Oder, wie im letzten Fall untersucht man Methoden einer Disziplin. In diesem Punkt kommt es also darauf an herauszufinden, was man eigentlich beantworten möchte.

Hinweise zur erfolgreichen Formulierung

Es gibt einige Fragen, die man sich selbst stellen kann und die bei der Formulierung einer guten Fragestellung helfen:

  1. Was soll herausgefunden werden? Auch wenn man selbst klar weiß, welche Frage man beantworten oder welches Problem man behandeln möchte, die Formulierung sollte derart gestaltet sein, dass auch jeder andere dies sofort versteht.
  2. Relevanz der Frage: Weshalb möchte man diese Frage beantworten? Welche Wissenslücke wird damit geschlossen? Inwiefern steht die Antwort auf diese Frage in Zusammenhang mit anderen Erkenntnissen zum selben Thema? Ganz wichtig auch: Wurde eine solche Frage schon einmal zuvor beantwortet?
  3. Ist es überhaupt möglich, diese Frage zu beantworten? Liegen genug Daten vor? Zudem sollte eine gute Fragestellung nicht zu weit oder zu eng gestellt oder simpel mit Ja oder Nein zu beantworten sein. Man sollte auch zwischen der Art der Arbeit differenzieren: Eine Masterarbeit ist umfangreicher und erlaubt eine weitere Fragestellung als eine Bachelorarbeit. Für Hausarbeiten sollte man sich nur sehr spezifischen, auf Details eines Themas abzielenden Problemen widmen.

Wenn man obige Fragen beantworten kann, dann befindet man sich garantiert bereits auf dem besten Weg zu einer guten Fragestellung. Die Fachhochschule Nordwestschweiz empfiehlt darüber hinaus den wissenschaftlichen Dreisatz als hilfreichen Ansatzpunkt.

Beispiele für eine gute Fragestellung

Um nochmals auf das ernährungswissenschaftliche Beispiel zurückzukommen. Eine Frage wie: „Ist der Konsum von Fleisch gesund?“ ist keine gute Fragestellung. Sie ist schlicht nicht präzise genug und kann auf zu viele, allesamt korrekte Arten beantwortet werden, solange man nicht genauer fragt.

Fragt man hingegen: „Welche Auswirkungen auf das individuelle Krebsrisiko hat der Verzehr von Fleisch aus konventioneller Massenhaltung?“ so ist klar, was die Antwort beinhalten soll und ebenso ist genauer spezifiziert, auf welches Produkt die Untersuchung sich bezieht. „Welche Erkenntnisse liefern ernährungswissenschaftliche Studien zur Krebsvorbeugung?“ wäre eine Fragestellung, die sich auf die Überprüfung vorhandener Theorien bezieht und zudem einen klaren Bezug zur Disziplin der Ernährungswissenschaft hat.

Weitere denkbare Fragestellungen wären etwa:

  • Erziehungswissenschaften – „Auf welche Weise können „Freistunden zu eigenverantwortlichem Arbeiten“ zur Verbesserung von Schülerleistungen beitragen?“

oder

  • Ethnologie – Welche Auswirkungen haben Geldrücksendungen von malayischen Arbeitsmigranten in den arabischen Golfstaaten auf die Stellung ihrer Familien in der Heimat mit Blick auf die soziale Mobilität?

oder

  • Soziologie – Wie kann die Methode der teilnehmenden Beobachtung bei Integrationsprozessen von Flüchtlingen angewandt werden, um Integration und Spracherwerb zu optimieren?

Weshalb ist die Fragestellung so wichtig für die Bachelorarbeit und Masterarbeit?

Die Forschungsfrage ist wichtig, weil sie den Anfang und die Basis einer wissenschaftlichen Arbeit bildet. Die Antwort auf diese Frage markiert hingegen als Fazit dessen Ende. Eine wissenschaftliche Arbeit selbst lässt sich als umfangreiche und komplexe Antwort auf eine Frage beschreiben. Damit diese Antwort den wissenschaftlichen Kanon um eine gut begründete Erkenntnis erweitert, sollte die Frage von vorneherein gut gestellt sein (Siehe dazu auch die Hinweise der Universität Bielefeld für wissenschaftliches Arbeiten).

Fragestellung und Gliederung gehören zusammen

Auch für den Schreibenden selbst lohnt es sich, sich von Beginn an Gedanken zur Fragestellung zu machen, da man dadurch oft bereits herausfindet, auf welche Weise man diese Frage beantworten möchte. Das erfolgreiche Formulieren des Problems stellt eine Basis dar, auf deren Grundlage man sich zielgerichtet Gedanken über den weiteren Aufbau der Arbeit und die Gliederung machen kann.

Das Erstellen einer vorläufigen Gliederung und das Ausformulieren der Fragestellung gehen daher oftmals Hand in Hand. Die Fragestellung ist ein roter Faden in einer Bachelorarbeit oder Masterarbeit, der die Orientierung vorgibt.

Verschiedene Formulierungen überlegen

Es ist vollkommen normal, dass die erste Formulierung der Forschungsfrage nicht die endgültige ist um man sie immer wieder umschreiben muss. Im Laufe der Arbeit werden sich vielleicht neue Erkenntnisse ergeben, die dazu führen, dass man die Fragestellung anders formulieren muss. Auch gut denkbar ist, dass man während der Recherche bemerkt, dass einen an dem Thema eigentlich ein ganz anderer Aspekt interessiert. Oder auch, dass man mit den vorhandenen Daten nicht zu einer schlüssigen oder nachweisbaren Antwort kommt. Ferner ist es auch möglich, dass der Betreuer der Bachelorarbeit oder Masterarbeit zusätzliche Einwände oder Vorschläge hat. Es ist also ratsam, sich von Beginn an mehrere Optionen der Formulierung offen zu halten. Das gilt im Endeffekt noch bis zur Abgabe der Arbeit. Tauchen etwa beim Lektorat einer Bachelorarbeit oder Masterarbeit Anregungen auf, kann man diese auch am Schluss noch einbauen.

Formulierungen offen halten

Wenn man beispielsweise untersuchen möchte, inwiefern Handys am Steuer zu einer erhöhten Unfallrate führen, dann können auch kleine Variationen zu unterschiedlichen Herangehensweisen führen. „Wie beeinflusst die Benutzung von Mobiltelefonen während der Fahrt die Aufmerksamkeit des Fahrers?“, fragt nach den Prozessen, die durch die Benutzung im Allgemeinen die Aufmerksamkeit des Fahrers beeinträchtigen.

Eine nur leicht andere Formulierung: „Wann beeinflusst die Benutzung von Mobiltelefonen während der Fahrt die Aufmerksamkeit des Fahrers?“ Nun geht die Fragestellung davon aus, dass in verschiedenen Situationen ein höheres Ablenkungsrisiko besteht und könnte beispielsweise auch so gestellt werden: „In welchen Situationen greifen Fahrer von Kraftfahrzeugen häufiger zu Mobiltelefonen?“

Das Formulieren einer guten Fragestellung erfordert Zeit und eine gute Vorbereitung, ist aber sicherlich kein unüberwindbares Hindernis. Weitere Hilfestellung dazu findet man oftmals auf den Webseiten verschiedener Universitäten, wie etwa der Universität Göppingen oder der ETH Zürich. Zudem werden an vielen Fakultäten Beratungsstunden angeboten, in denen Studenten sich mit ihren spezifischen Problemen an Mitglieder des Lehrkörpers wenden können.

Und sollte es einem nicht an Wissen und Beratung fehlen, sondern an Inspiration und Begeisterung empfiehlt es sich, es mit der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld zu halten. Diese empfiehlt ihren Studenten auf ihrer Webseite sich in einen „Modus des Erstaunens“ zu versetzen, nach Max Weber (1998:221):
„Die Fähigkeit des Erstaunens über den Gang der Welt, ist Voraussetzung der Möglichkeit des Fragens nach ihrem Sinn“.

Literatur

Lamprecht, Markus/ Stamm, Hanspeter/Ruschetti, Paul (1992): Wissenschaftliches Arbeiten : ein Leitfaden für Diplom- und Semesterarbeiten, Zürich.

Weber, M. (1998): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 3., Tübingen.

Weiterführende Literatur:

Esselborn-Krumbiegel, H. (2008): Von der Idee zum Text, Paderborn/München/Wien/Zürich.

Wolfsberger, J. (2009): Frei geschrieben: Mut, Freiheit und Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten, Wien/Köln/Weimar.

Eco, Umberto, (2010): Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt, 13. Auflage , Wien.

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